SAP übernimmt Signavio: Strategischer Coup und Chance für Celonis

Feb 18, 2021 11:55:56 AM / by Bots and People

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SAP hat in letzter Zeit einige Schritte in Richtung Prozessautomatisierung unternommen. Auf der SAP TechEd im Dezember 2020 kündigte das Unternehmen „SAP Intelligent Robotic Process Automation“ seinen Vorstoß in Richtung RPA an. Dass SAP jetzt mit Signavio den Anbieter von Tools zur Analyse bestehender Geschäftsprozesse gekauft hat, ist vor diesem Hintergrund ein nachvollziehbarer Schritt – zumal SAP die Technologie von Signavio selbst bereits erfolgreich zur Optimierung der internen Prozesse nutzt.

 

SAP und Signavio: Gemeinsame Vergangenheit

Mit Signavio erhält SAP ein Cloud-natives Geschäftsprozessmanagement-Tool, das gut in die SAP-Welt, in der das Verstehen und Automatisieren von Geschäftsprozessen zu einem zentralen Bestandteil der digitalen Transformation eines Unternehmens geworden ist, passt. Interessanterweise haben alle Gründer von Signavio irgendwann einmal bei SAP gearbeitet.

Die Process-Mining-Software von Signavio hat ihren Ursprung in der Forschung zur Verbesserung von Unternehmensprozessen am Hasso-Plattner-Institut, einer Forschungsuniversität für Informatik in Potsdam. Zudem ist Signavio schon seit längerem Geschäftspartner von SAP.

Beide Software-Plattformen können problemlos miteinander verbunden werden.

 

Kein Schnäppchen für SAP

Signavio wurde 2009 in Berlin gegründet und hat laut Crunchbase-Daten fast 230 Millionen Dollar eingesammelt. Zu den Investoren gehören Apax Digital und Summit Partners. Die jüngste Investition war eine Serie C im Juli 2019 über 177 Millionen Dollar, die mit einer Bewertung von 400 Millionen Dollar einherging. Zwar bewahren beide Seiten über die Bedingungen der Signavio-Übernahme, die im ersten Quartal abgeschlossen werden soll, Stillschweigen, aber Bloomberg berichtete, dass der Deal 1,2 Milliarden Dollar wert sein könnte.

 

Für Signavio kann der Deal zum Ritt auf der Rasierklinge werden

Signavio wird das Herzstück des neu gegründeten Geschäftsbereichs Business Process Intelligence (BPI) der SAP. Mit der Übernahme positionieren wir uns an der Spitze von SAPs Aktivitäten rund um das Thema Prozessmanagement und nutzen ihren massiven Zugang zu Kunden und Partnern auf der ganzen Welt, um Prozessmanagement für alle zugänglich zu machen - viel schneller, als es uns auf einer eigenständigen Basis möglich wäre.

Gero Decker, CEO Signavio

Das Argument der größeren Ressourcen und der größeren Reichweite ist eines, das fast jeder CEO eines übernommenen Unternehmens vorbringt. Aber von einem Unternehmen mit der Größe von SAP geschluckt zu werden, kann auch ein zweischneidiges Schwert sein.

Ohne Zweifel verfügt SAP über enorme Ressourcen. Aber für ein übernommenes Unternehmen kann so ein Deal auch zum Ritt auf der Rasierklinge werden, wenn es darum geht, seinen Platz in einem so großen Haifisch-Becken zu finden.

Wie gut Signavio sich einfügen und wie gut sie den Übergang vom Startup zu einem gut funktionierenden Rädchen im Geschäftsgefüge eines Global Payers schaffen, wird den langfristigen Erfolg dieser Transaktion maßgeblich bestimmen.

 

SAP will Rivalen Paroli bieten

Für SAP scheint Signavio jedenfalls ein wichtiges fehlendes Stück in der Business Process Intelligence-Einheit des Unternehmens zu sein, womit sie die Lücke in der Strategie zur digitalen Transformation des Unternehmens schließen.

Die Kombination von Business Process Intelligence von SAP und Signavio schafft eine führende End-to-End-Suite für die Transformation von Geschäftsprozessen, die den SAP-Kunden hilft, die Anforderungen zu erfüllen, die sie brauchen, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Zudem ist SAP-Vorstandschef Christian Klein wohl darum bemüht, das Unternehmen, dessen Umsätze während der Pandemie gesunken sind, zu sanieren.

 

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Es geht darum, sich gegen Microsoft und IBM, Salesforce und Workday bei den Kunden zu positionieren.

Christian Klein, CEO SAP

Klein drängt auf eine breitere Akzeptanz einer Reihe von neuen cloudbasierten Produkten, damit SAP besser mit Rivalen wie Salesforce.com Inc. konkurrieren kann. Und die Möglichkeit, Geschäftsprozesse jetzt über die Cloud zu automatisieren, ist in Zeiten, in denen viele Mitarbeiter komplett von zu Hause aus arbeiten, ein gewichtiges Argument.

 

Initiativen zur digitalen Unternehmenstransformation im Auge behalten

Dass SAP die Übernahme von Signavio im Rahmen der Ankündigung des "Managed Rise with SAP"-Service bekannt gegeben hat, macht Sinn, da SAP durch den Service Initiativen zur digitalen Unternehmenstransformation im Auftrag von Kunden verwalten will.

Eine neue Reihe von Subskriptionsdiensten soll es SAP-Kunden ermöglichen, sich in intelligente Unternehmen zu verwandeln, indem sie Legacy-Technologien und -Prozesse zugunsten von cloudbasierten Systemen und modernsten Tools ablösen. Ziel ist es, Unternehmen flexibler, datengesteuerter und widerstandsfähiger zu machen, damit sie schnell auf Marktveränderungen reagieren können.

Wie wichtig SAP sein neues "Rise with SAP"-Digitalisierungsangebot für Unternehmen nimmt, zeigt die erst kürzlich durchgeführte Übernahme des finnischen Softwarentwicklers AppGyver. Die Finnen arbeiteten bisher an einer No-Code-Entwicklerplattform für Mobile Apps und Webapplikationen.

 

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Das finnische Entwickler-Team von AppGyver gehört jetzt zu SAPs Digitalisierungsangebot.

 

Signavio bringt Intelligenz in die Geschäftsprozesse

Durch die Übernahme von Signavio erhält SAP eine Intelligence-Plattform, die ineffiziente Geschäftsprozesse identifiziert, die SAP dann im Auftrag eines Kunden modernisieren kann. Denn die meisten großen SAP-ERP-Systeme haben Tausende von Prozesse, von denen viele veraltet sind, da sich die Geschäftsanforderungen im Laufe der Zeit geändert haben.

Die Process-Mining-Software von Signavio durchforstet die Unternehmenssysteme einer Organisation und identifiziert, wo Prozesse ineffizient sind, ausfallen können oder nicht benötigt werden. Mit der Software von Signavio können SAP-Kunden die nötige Intelligenz in ihre Geschäftsprozesse einbringen und zwar auf jeder Ebene, vom Design über die Analyse bis hin zur Automatisierung mit Workflow-KI oder RPA.

 

Signavio liefert SAP gewichtige Verkaufsargumente

Das Herzstück von SAPs überarbeitetem Ansatz zur digitalen Unternehmenstransformation ist die Enterprise Resource Planning (ERP)-Software SAP S/4. Das Unternehmen fügt regelmäßig Prozesse und Updates hinzu, um Anwendungsfälle in verschiedenen vertikalen Branchen zu adressieren.

Um Unternehmen davon zu überzeugen, einen von SAP für sie definierten Geschäftsprozess zu übernehmen, muss das Unternehmen jedoch zunächst beweisen, dass bestehende Geschäftsprozesse ineffizient sind. Die Werkzeuge von Signavio erstellen zunächst ein Modell dieser Prozesse. Das Modell kann dann mit der Art und Weise verglichen werden, wie die Prozesse tatsächlich ausgeführt werden, und zwar anhand von Daten, die vom Kunden gesammelt wurden. Mit diesen Daten hat SAP dann ein gewichtiges Argument für den Einsatz von SAP S/4 in der Hand, um einen benutzerdefinierten Geschäftsprozess, wie z. B. die Rechnungsverarbeitung, zu ersetzen.

Zudem wird SAP die über die Signavio-Plattform gesammelten Daten auch dazu nutzen, die in S/4 eingebetteten Prozesse weiter zu verfeinern, um eine symbiotischere Beziehung zwischen der Software und den Prozessen zu schaffen. Diese Daten können auch dazu verwendet werden, Algorithmen für Maschinelles Lernen zu trainieren, die SAP in seine Anwendungen und Datenbanken einbetten kann.

 

Whitepaper, Playbooks, Videos, Templates, etc.

 

Ein tiefes Verständnis der Prozesse

Abgesehen von den Kosten machen auch zwei Anwendungsfälle die Übernahme von Signavio für SAP so schmackhaft:

Der erste Fall ist die Untersuchung von Prozessineffizienzen innerhalb der ERP-Landschaft, die Suche nach Engpässen und die Neugestaltung von Prozessen wie Order-to-Cash und Beschaffung.

Der zweite Fall ist die Unterstützung von IT-Teams bei Systemmigrationen wie für S/4HANA. Signavio hilft der IT dabei zu sehen, wie die Landschaft heute mit den Prozessen im Ist-Zustand aussieht und wie die Prozesse in den neuen Systemen aussehen sollten.

Der Wert von Signavio für SAP liegt darin, ein tiefes Verständnis der Prozesse zu erlangen. Bei Rise with SAP geht es darum, den Kunden dabei zu helfen zu verstehen, warum sie ein intelligentes Unternehmen werden müssen. Aber um dorthin zu gelangen, müssen sie zuerst ihre Geschäftsprozesslandschaft bewerten. Dabei geht es nicht nur darum, den Prozess zu verstehen, sondern ihn zu verbessern und dann zu automatisieren. Der Ansatz von Signavio stützt sich in diesem Zusammenhang zudem auf Künstliche Intelligenz (KI) und Maschinelles Lernen.

 

Signavio wäre nicht der einzige Kandidat gewesen

Signavio ist aber nicht der einzige Anbieter von Process Mining-Software, der über eine langjährige Verbindung zu SAP verfügt. Auch Celonis, mit Sitz in München, die dazu beigetragen haben, den wachsenden Markt für Process Mining und Intelligence Software voranzubringen, verbindet eine intensive Partnerschaft mit SAP. Beide Unternehmen haben sich bei der Entwicklung von Process Mining- und Intelligence-Tools bewährt, die den Prozessen auf den Grund gehen und bestimmen, was mit ihnen zu tun ist. Das machte beide Unternehmen zu möglichen Übernahmeobjekten für SAP.

Warum nicht Celonis?

Die logische Wahl für Business Process Mining Intelligence wäre eigentlich Celonis gewesen. Als junges Startup erhielt Celonis viel Unterstützung von Hasso Plattner und SAP. Aber der Erfolg hat das Unternehmen autonomer gemacht, und mehrere Top-Manager von SAP arbeiten jetzt bei Celonis.

Zudem stand das Unternehmen nicht zum Verkauf. Celonis hohe Bewertung hätte eine Übernahme teuer gemacht. Ganz offensichtlich war die Übernahme von Celonis für SAP eine zu hohe Investition. Deshalb scheint Signavio die bessere Option gewesen zu sein, da viel günstiger.

 

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Celonis-Gründer Alexander Rinke, Bastian Nominacher und Martin Klenk.

 

Celonis befreit sich von SAP-Fesseln

Die Übernahme von Signavio durch SAP könnte für Celonis durchaus etwas Gutes haben, da sie die Fesseln als SAP-Partner nun los sind. Sie müssen jetzt nicht mehr auf die Befindlichkeiten von SAP Rücksicht nehmen und können jetzt mit allen anderen Partnern uneingeschränkt zusammenarbeiten. Denn die Partnerschaft mit SAP hinterlässt ihre Spuren, in diesem Fall in Form eines unbestreitbar starken Einflusses auf die bisherige Produktrichtung von Celonis.

In der Vergangenheit hat Celonis bereits begonnen, sich durch Partnerschaften mit Oracle, ServiceNow und Salesforce auf ein Leben ohne SAP vorzubereiten und gemeinsame Go-to-Market-Strategien in Stellung gebracht - was sich jetzt noch beschleunigen wird.

 

Der Process-Mining-Markt bleibt spannend

In Anbetracht der tiefen Durchdringung der Unternehmensanwendungslandschaft auf der ganzen Welt braucht man nicht im Kaffeesatz zu lesen, um vorhersagen zu können, dass die Übernahme von Signavio durch SAP der Bekanntheit und Akzeptanz von Process Intelligence/Process Mining einen ungeahnten Schub verpasst.

Es wird zu einem Preisdruck auf andere Anbieter von Process Mining-Tools kommen und dadurch die Lösung erschwinglicher machen. Diese Akquisition könnte aber auch andere große Enterprise-Tech-Anbieter wie Microsoft, Oracle und Salesforce auf den Plan rufen.

Der Deal könnte sie dazu veranlassen, ähnliche Schritte zu unternehmen. Zumal die Verbesserung des Kundenerlebnisses und die Rolle von Process Mining bei der Erkennung von Customer Journeys, der Identifizierung von Pain Points und der Suche nach Möglichkeiten zunehmend in den Fokus der Unternehmen gerät.

 

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Tags: Process Mining, celonis, News, SAP, Signavio

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